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Sonus feminæ #1:
BEYOND THE VEIL

13. MAI 2023

Musik aus italienischen Frauenklöstern

Werke von Caterina Assandra, Chiara Maria Cozzolani, Gracia Baptista, Raffaella Aleotti, Sulpitia Cesis, Claudia Francesca Rusca, Claudia Sessa, Lucrezia Orsini Vizzana, Isabella Leonarda

„Die Nonnen von St. Radegonda in Mailand zeichnen sich in ihrer Musikalität durch so seltene Exzellenz aus, dass man sie zu den ersten Sängerinnen von ganz Italien zählt. Sie tragen den Habit des heiligen Vaters Benedikt, und doch erscheinen sie unter ihren schwarzen Gewändern demjenigen, der ihnen zuhört, als reine vom Wohlklang erfüllte Schwäne, die das Herz mit Staunen erfüllen und die Zunge zu ihrem Lobe fortreißen.“

 

schrieb der Mailänder Chronist Chronist Filippo Picinelli über die singenden Nonnen des Klosters, an dem auch Chiara Margarita Cozzolani (1602-1676) gewirkt hat.

Regelrechte musikalische Wunderwerke und Talentexplosionen gab es in den italienischen Nonnenklöstern des 17. Jahrhunderts - junge Frauen mit hohen Begabungen entwickelten eine von Exzellenz geprägte musikalische Hochkultur, und das ganz im „Stile concertanto“, voll von Ornamentik, Melismen und Koloraturen. Ein wunderbares Beispiel sind die Motetten von Caterina Assandra (ca 1590- nach 1618), Chiara Margarita Cozzolani und die Arien der Claudia Sessa (ca. 1570- ca. 1615). Sie selbst galt talentierte Sängerin und sang mit temperamentvoll bewegter Stimme, wach und schnell in ihren Trillern, voll von Affekten als Meisterin der accenti. Kaum eine Sängerin konnte ihr das Wasser reichen, schrieb Gerolamo Borsieri.

 

Diese musikalischen Ereignisse fanden über die Klostermauern hinweg große Resonanz und Anerkennung im italienischen Bürgertum. Schließlich stammte ein Großteil der Nonnen aus Patrizierfamilien, die als junge Mädchen in die Klöster als eine Art Eliteschule gesandt wurden, um dort als musikalisch Hochbegabte eine Ausbildung zu erhalten. Freiwillig geschah der Eintritt ins Kloster bei den meisten jungen Mädchen jedoch nicht, vielmehr war der Ehrgeiz tyrannischer Väter hierfür verantwortlich - denn während die eine Tochter mit einer großen Mitgift ausgestattet wurde, musste sich die andere Tochter gegen ihren Willen dem Klosterleben und den strengen Klausurenvorschriften unterwerfen.

 

Was hier musikalisch ganz nach dem Geschmack der bürgerlichen und adeligen Hörer im Konzertsaal geschah, war dem Vatikan ein Dorn im Auge. Noch kurz zuvor hatte er im Trienter Konzil, Mitte des 16. Jahrhunderts, den mehrstimmigen Gesang verboten. Die Frauen mussten sich hier den Freiraum erkämpfen, schließlich stießen sie auf tägliche Konflikte und Konfrontationen mit den höher gestellten Männern innerhalb der kirchlichen Hierarchie. Doch der Vatikan konnte sich nicht gegen die musikalischen Aktivitäten durchsetzen. 

Viele Nonnen veröffentlichten Sammlungen ihrer Werke, von denen uns noch einige überliefert sind. Darunter befinden sich neben einer Fülle von geistlichen Werken auch weltliche Lieder und instrumentale Werke, wie die Sammlung der großartigen Triosonaten und einer Solosonate für Violine und B.C. von Isabella Leonarda (1620-1704) oder die Orgelwerke und Canzona der Organistin und Benediktinerin Caterina Assandra. Die früheste erhaltene Komposition einer Komponistin für Tasteninstrumente ist die Orgelfassung von Conditor alme der spanischen Nonne Gracia Baptista (ca. 1530- ca. 1557). 

 

Die Nonnen unterrichteten sich gegenseitig, und musizierten und sangen den ganzen Tag und oft auch in der Nacht - denn allein der liturgische Gesang kann bis zu acht Stunden am Tag dauern. 

Viel Zeit zur Kontemplation verblieb ihnen dabei vermutlich nicht - was im Kamaldulsenkloster von Bologna zu verheerenden Ereignissen führte: Drei verärgerte Nonnen schrieben heimlich an Rom und behaupteten, das Kloster sei von geistlicher Laxheit und Skandalen beherrscht. Es kam zu spektakulären Auseinandersetzungen, die Nonnen kämpften gegen erzdiözesane Geistliche, nicht nur mit Worten und Musik, sondern auch mit Ziegeln und Steinen. Fünfundzwanzig Jahre lang leisteten sie Widerstand und widersetzten sich dabei sogar dem Papst persönlich. Nur die ultimative Androhung der Exkommunikation zwang sie in die Knie - aber nicht bevor die gebrechliche Lucrezia Orsina Vizzana (1590-1662) buchstäblich in den Wahnsinn getrieben worden war. Laut dem Beichtvater von Donna Lucrezia schlug sie jedes Mal, wenn sie die Glocke der Kapelle läuten hörte, wild um sich. Ihre Componimenti Musical sind die einzig uns überlieferten Werke. Die meisten Motetten dieser Sammlung sind an Jesus gerichtet, jedoch handeln einige Motetten auch von den Ereignissen im Kloster - von Buße, Verlassenheit inmitten von Feinden oder Aufrufe zum Kampf.

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